Wochenrückblick – KW 06/2026

Liebe Leserinnen und Leser,

seit knapp einer Woche befinde ich mich mit einigen anderen Mitgliedern des Agrarausschusses auf Delegationsreise in Brasilien. Brasilien ist schon heute Deutschlands wichtigster Handelspartner in Südamerika. Jährlich exportieren wir vor allem Ölfrüchte, Wein, Fleisch und andere tierische Produkte im Wert von ca. 1.500 Millionen Euro nach Brasilien. Umgekehrt importieren wir insbesondere Kakao, Kaffee und pflanzliche Nahrungsmittel im Wert von 440 Millionen Euro. Letztes Jahr haben wir uns im Agrarausschuss deshalb entschieden, den Austausch mit diesem wichtigen Partner auch auf parlamentarischer Ebene zu fördern. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Gelegenheit bekomme und an der Reise teilnehmen kann.
Wir befinden uns dabei politisch betrachtet in einem wichtigen Jahr: Es stehen stehen Präsidentschafts-, Parlaments- und Gouverneurswahlen an! Staatspräsident Lula tritt erneut für eine dritte Amtszeit an. Sein Gegner von rechts Jair Bolsonaro ist derzeit wegen eines versuchten Staatsstreichs inhaftiert und hat deswegen seinen Sohn nominiert. Aktuell sind die Aussichten für Lula eher gut: Seine Regierung hat erfolgreich mit den USA zu Zöllen verhandelt, eine Steuerreform hat niedrige Einkommen entlastet und es gibt ein relativ stabiles Wirtschaftswachstum. Doch natürlich war auch die Stärke extremer politischer Kräfte oft Teil unserer Gespräche.

Wir alle wissen, dass Brasilien auf der Weltkarte groß aussieht. Doch wirklich vorstellen können wir uns das als Europäerinnen und Europäer wahrscheinlich erst, wenn man einmal vor Ort war. Mit einer Fläche von über 8,5 Millionen Quadratkilometern reicht der Staat vom Äquator bis zur Höhe Südafrikas. Deutschland mit seinen annähernd 360.000 Quadratkilometern ist da mehr ein besserer Bundesstaat. Entsprechend große Distanzen haben wir auch zu überwinden, in Ermangelung besserer Alternativen auch mit dem Flugzeug. Unsere Tage sind voll und lang, aber durch die deutsche Botschaft in Brasilien mit vielen spannenden Terminen gefüllt. Wir bewegen uns zwischen Sao Paulo, der Hauptstadt Brasilia, Viracopos und dem Austragungsort der letzten Klimakonferenz Belém. Allein in den letzten 5 Tagen konnte ich schon unglaublich viel mitnehmen und ich bin gespannt auf den zweiten Teil der Reise.

Landwirtschaft in Brasilien

Brasilien ist stark agrarisch geprägt. Von den knapp 216 Millionen Einwohnern arbeiten fast 9% (18,7 Mio.) Menschen in der Landwirtschaft. Innerhalb der vergangenen 40 Jahre hat sich Brasilien zu einem der wichtigsten Agrarproduzenten und -exporteure weltweit entwickelt. Das merken wir auch bei uns im Supermarkt: Bei Produkten wie Organgensaft, Kaffee, Soja, Zucker und Geflügel- und Rindfleisch gilt das Land als Weltmarktführer. Ein Umstand der u.a. durch die Erschließung der Baumsavanne des Cerrado ermöglicht wurde. Hier sind bis zu zwei Ernten jährlich möglich. Mit einer Fläche von fast zwei Millionen Quadratkilometern ist das extrem artenreiche Gebiet etwa so groß wie Mexiko. Die Cerrado-Region wird erst seit etwa 50 Jahren im großen Stil landwirtschaftlich genutzt. Der Übergang von der extensiven Weidehaltung zu Landwirtschaft im größeren Stil brachte aber natürlich auch Probleme mit sich. Fauna und Flora gehen verloren, Düngung und Brandrodung verändern das Ökosystem.

Im Kontext des Mercosur-Abkommens ist es für uns wichtig, die genauen Produktionsverfahren und Umstände vor Ort zu kennen. Nur so können wir effektive Maßnahmen für die Sicherstellung gleicher Produktionsstandards für Umweltschutz, aber auch Tierwohl oder soziale Standards entwickeln. Das ist insbesondere hinsichtlich gentechnisch veränderten Saatguts und vieler bei uns bereits verbotener Pflanzenschutzmittel notwendig.

Hier ist noch einmal meine Pressemitteilung zu MERCOSUR verlinkt

Rindfleischproduktion und Umweltmonitoring

Als gelernte Rinderzüchterin habe ich mich besonders über die Möglichkeit gefreut, einmal alle Produktionsschritte der brasilianischen Rindfleischerzeugung zu besuchen. Begonnen mit der Aufzucht der Jungrinder über die Mast bis hin zu einem sehr modernen Schlachthof konnten wir eine große Rinderfarm besichtigen. Die Rinder hatten genügend Auslauf und man merkt, dass Tierwohl entlang der Produktionskette mitgedacht wird. Als Tierärztin fand ich besonders die modernen und sehr hygienischen Standards auf allen Betrieben bemerkenswert.

Die klimatischen Bedingungen stellen aber die gesamte Branche vor eine Herausforderung. Plötzliche Starkregenereignisse sind keine Seltenheit und auch ich bin das eine und andere Mal nass geworden. Dem begegnen die Landwirte vor Ort durch Direktsaat als Standard in der Aussaat. Dabei wird das Saatgut ohne vorherige Bodenbearbeitung in den Boden gebracht. Das schützt nicht nur das Bodenleben, sondern erhält auch die Bodenstruktur, wodurch Wasser schneller in die Tiefe abgeleitet und Erosionsereignissen vorgebeugt wird. Als Methode wird die Direktsaat auch in Deutschland mehr und mehr angewandt, wir folgen hier dem internationalen Vorbild. Ein gutes Beispiel, wie Austausch zu landwirtschaftlichen Themen auch für uns in Deutschland förderlich sein kann.

Bekannt ist Brasilien meist für zwei Themen: den Karneval und den Verlust des Regenwaldes. Im Zentrum für Umweltmonitoring des Bundesstaates Pará (CIMAM) werden Waldflächen überwacht, um illegale Entwaldung zu bekämpfen. Mit Echtzeit-Satelliten- und Drohnentechnik werden die Flächen immer wieder auf Entwaldung kontrolliert und Geländekarten erstellt. Zudem monitort die Umweltbehörde auch die entstehenden Emissionen, um so auch Brandrodungen schnellstmöglich erkennen zu können. Eine sinnvolle Nutzung moderner Technik und Digitalisierung in einem riesigen Gebiet, das sonst kaum zu kontrollieren wäre.

Die Entwaldung im brasilianischen Amazonasgebiet ist dank Maßnahmen der Regierung unter Präsident Lula zwar rückläufig, bleibt aber auf hohem Niveau kritisch. Zwischen August 2024 und Juli 2025 sank die illegale Abholzung um etwa 11 bis 30 Prozent, was den niedrigsten Stand seit etwa 2014-2016 darstellt. Dennoch wurden 2024 weiter Millionen Hektar Urwald vernichtet, oft durch Feuer für Viehweiden und Sojaanbau. Diesen Konflikt gilt es zu lösen, mit nachhaltiger Landwirtschaft und mehr Umweltschutz. In der EU wurde die EU-Verordnung für entwaldungsfreie Produkte (EUDR) heftig debattiert, doch nach meinem Besuch sehe ich ihre Bedeutung umso mehr. Die Verordnung wird Ende des Jahres in Kraft treten und hoffentlich zu mehr Schutz des Regenwaldes beitragen. Für den Handel innerhalb der EU gibt es aber Ausnahmen, da bei uns ein geringes Entwaldungsrisiko herrscht und wir nicht unnötig für Bürokratie sorgen wollen.

Amazonas-Fahrt

Zum Ende der Woche ging es dann in den Regenwald: Während einer Amazonas-Fahrt konnte ich die Vielfalt der lokalen Flora und Fauna entlang des Flusses bestaunen. Ein netter Nebeneffekt unserer Fahrt zu verschiedenen Kakao-Plantagen. Wie oben bereits erwähnt ist Brasilien einer der wichtigsten Kakaoproduzenten. Herausgefordert wird die Produktion besonders durch Starkregen und Krankheiten wie Kakaoschotenfäule und das Kakao-Schwellschuss-Virus. Außerdem steht auch der Kakaoanbau immer wieder aufgrund von Entwaldung in der Kritik. Als Sozialdemokratin habe ich mich v.a. zu Fair-Trade-Maßnahmen und Förderung kleinbäuerlicher Strukturen erkundigt. Der Februar ist übrigens Fair-Trade-Monat!

Hier klicken für mehr Infos zu Fair Trade

Ausblick:

Am Wochenende sehe ich mir an, wo unser Kaffee wächst und was hinter der Produktion bis zur brühfertigen Bohne steckt. Nächste Woche freue ich mich besonders auf einen Messerundgang auf der Show Rural Copavel – der größten Agrarmesse Lateinamerikas. Im Zentrum der Messe steht vor allem die Diversifizierung der Landwirtschaft. In meinem nächsten Wochenrückblick werde ich mehr berichten!

Schnappschuss der Woche:

Die Reise nutze ich auch um mich mehr mit meinen Kolleginnen und Kollegen über politische Lösungsansätze und neue Methoden für die Landwirtschaft auszutauschen. Wie hier mit (v.l.n.r.) Ina Latendorf (Linke), Fernanda Machiavelli der stellvertretenden Ministerin für ländliche Entwicklung und Familienlandwirtschaft in Brasilien und Dr. Ophelia Nick (Grüne).