Liebe Leserinnen und Leser,
diese Woche war ich mit dem Kulturausschuss in Finnland. Während der Reise habe ich mir unterschiedliche Kulturprojekte angesehen. Denn trotz der kleinen Einwohnerzahl von 5,5 Millionen Finnen ist das Land kulturell sehr aktiv und fördert die Szene stark. Besonders interessant finde ich die vielen Konzepte, in denen Räume mehrere Funktionen haben, um das volle Potential auszuschöpfen. Dahinter steht eine simple Idee: Autarkie in allen Bereichen.
Autarkie
Finnland probiert, möglichst unabhängig von anderen Staaten zu sein. Diese Bestrebungen nach Autarkie stammen unter anderem aus Finnlands Historie und Lage. Über 90 % des Warenverkehrs kommt über den Seeweg an. Und das benachbarte Russland zeigt sich immer wieder feindlich gegenüber Finnland. Kein Wunder also, dass sich die Finnen von diesem Partner nicht abhängig machen wollen. Und der alternative Warenverkehr über Norwegen und Schweden würde aufgrund langer Lieferzeiten und teilweise fehlender Infrastruktur nur schwer funktionieren.
Die Bemühungen um die Unabhängigkeit lassen sich gut an Helsinki erklären: Hier werden rund 95 % der Gebäude mit Fernwärme versorgt und unter der Stadt liegt ein riesiger Wasserspeicher. Der wird sowohl zum Heizen als auch zum Kühlen genutzt. Möglichst keine Abhängigkeiten – das war auch in der Vergangenheit schon ein wesentlicher Treiber für Innovationen in Finnland.

Zivilschutz mit ziviler Nutzung vereinbaren
Beeindruckt hat mich auch, wie Finnland Resilienz, Versorgungssicherheit und Krisenvorsorge organisiert: Es gibt u. a. nationale Verteidigungskurse für die Bevölkerung. Darüber hinaus stehen überall im Land ausreichend Zivilschutzbunker bereit. Damit diese in Friedenszeiten aber nicht nur Platz und Geld kosten, werden sie als Sport- und Kulturstätten und Garagen genutzt. Zivilschutz und zivile Nutzung lassen sich also bestens vereinbaren – ein Konzept, das auch für uns spannend ist.
Begegnungsorte in Helsinki
Und multifunktionale Orte gibt es nicht nur im Zivilschutz: Die moderne Zentralbibliothek Oodi in Helsinki dient als Begegnungsort. Sie vereint Bibliothek mit einem Café und einer Kreativwerkstatt. Oodi ist ein nicht kommerzieller öffentlicher Raum, der allen zugänglich ist. Solche kostenlosen und niedrigschwelligen Angebote ermöglichen allen die Teilnahme an Kultur und Kreativität. Gerade in dem finnischen Wetter ist so Rückzugsort sehr wertvoll.

Ähnlich funktioniert auch die Finlandia-Halle. In dem Konzert- und Kongresshaus finden jährlich über 800 Veranstaltungen statt. Spannend finde ich, dass keine der verwendeten Formen rein dekorativ ist: Alles erfüllt eine bestimmte Funktion. Darüber hinaus wurden jeder Beleuchtungskörper, jedes Möbelstück sowie alle Paneele und Bodenbeläge vom weltberühmten finnischen Architekten Alvar Aalto entworfen. Deshalb und aufgrund der herausragenden Architektur wurde die Finlandia-Halle dieses Jahr zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.
Treffen mit der sozialdemokratischen Fraktionsvorsitzenden
Ein echtes Highlight war der Besuch des finnischen Parlaments und das Treffen mit Abgeordneten der Parteien. Mit dabei war die sozialdemokratische Fraktionsvorsitzende Tytti Tuppurainen. Mit der Wahl 2027 hat sie bisher gute Chancen auf ein Ministeramt.

Spannend für mich als Agrarpolitikerin: Die Zentrumspartei ist Finnlands ehemalige Agrarpartei, die sich für das gesamte Land einsetzt! Wie bei uns ist eines der Hauptziele, gleichwertige Lebensverhältnisse zu schaffen. Beim Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR) der EU muss deshalb auf soziale Programme geachtet werden. Der Europäische Sozialfonds (ESF+) muss stark bleiben – denn er sichert genau die Förderung, von der unsere Regionen und die Menschen vor Ort abhängen.

Oulu Universität
Neben Helsinki haben wir auch noch Oulu, die nördlichste Großstadt der EU, besucht. Die fünftgrößte Stadt des Landes ist heutzutage als das Zentrum der finnischen IT-Wirtschaft bekannt. Angetrieben werden Innovationen durch die hiesige Universität. Hier studiert zufälligerweise auch die Tochter einer Freundin von mir.
An der Universität werden immer wieder neue Konzepte in den Bereichen Bildung, Wirtschaft und Entwicklung des ländlichen Raums vorgestellt. Bei diesen Punkten bin ich natürlich hellhörig geworden!
Bei ihrer Forschung kooperiert die Universität immer wieder mit deutschen Partnern und das auch mit der Uni Halle! Ich finde es toll, dass gemeinsam an diesen neuen Ideen gearbeitet wird, um auch Lösungen für unsere Regionen zu finden.
Nicht nur in der Forschung profitieren wir von unserer Zusammenarbeit mit Finnland. Die Bioraffinerie in Leuna wird von der finnischen Firma UPM betrieben und den Hauptsitz habe ich auf meiner Reise zufällig gesehen. Positiv für unsere Region: Der Standort in Leuna ist vergangene Woche offiziell eingeweiht worden. Hier sollen im Jahr bis zu 220.000 t Biochemikalien aus Buchenholz gewonnen werden.
Der Sachsen-Anhalt FunFact der Woche
Oulu ist nicht nur Zentrum der IT-Wirtschaft Finnlands, sondern auch Wellness-Hochburg. Unser heimisches Äquivalent dazu ist vermutlich Bad Salzelmen in Schönebeck. Zwar gibt es heute fast überall Wellnessangebote, doch der Ursprung des Trends lag in Deutschland hier. Bad Salzelmen ist das älteste Soleheilbad Deutschlands und wurde bereits 1802 vom Arzt Dr. Johann Wilhelm Tolberg entdeckt. Er erkannte die Heilkraft der salzigen Quellen und eröffnete das Solebad. Den Hingucker des Bads werden die wenigsten vergessen, die ihn mal erblicken durften: das mächtige Gradierwerk. Ab 1756 errichtet, diente es zunächst der Salzgewinnung und wurde später auf unglaubliche 1.837 m verlängert!
Ausblick
Dieses Wochenende werde ich zur Erholung und zum Nachdenken nutzen. Auf der Reise habe ich viele tolle Ideen und interessante Menschen kennenlernen dürfen. Jetzt möchte ich aber in Ruhe überlegen, welche Konzepte bei uns Sinn ergeben und wie eine Umsetzung bei uns aussehen würde. Gerade multifunktionale Räume finde ich eine klasse Idee für unsere ländlichen Räume. So könnten abwechslungsreiche Begegnungsräume entstehen und Kosten durchs Teilen minimiert werden.
Schnappschuss der Woche:
Künstlerisch konnte ich mich in einer Kreativwerkstatt auch ausprobieren.

